Etappe 3 - Durchschreitung der Hohen Tatra

Von der "Zbojnícka chata" zum Berghotel "Popradské Pleso"

Erleichtert stehe ich auf unserem Gipfel der heutigen Etappe.
Erleichtert stehe ich auf unserem Gipfel der heutigen Etappe.

Die dritte Etappe war geprägt von einer überaus rauen und wilden Landschaft. Die Bezeichnung "Weg" erhielt bei unserer Tour eine völlig neue Bedeutung. Abseits der üblichen Wege, die in Karten eingezeichnet sind, waren wir auf sogenannten Bergführer-Wegen unterwegs. Samuel, unser lokaler Bergführer, führte uns durch weglose Gerölllandschaften, hinauf auf waghalsige Scharten und sogar auf einen Gipfel.

Konzentration und Ausdauer war auf den oftmals schwierigen Wegen (die eigentlich keine waren) gefragt. Und oft sagte mein Kopf, ich mag nicht mehr weiter.

 

Trotz der Anstrengung gab es natürlich auch zahlreiche genussvolle Momente, wie die Pause am See, im orangefarbenen Licht der langsam untergehenden Sonne.

Entspannter Start in den Tag

Hier ahnten wir noch nicht, dass es bald links hoch auf eine Scharte gehen wird.
Hier ahnten wir noch nicht, dass es bald links hoch auf eine Scharte gehen wird.

Wie bereits am Tag zuvor, starteten wir gut erholt, pünktlich

um 8 Uhr. Ein kurzes Stück hinter der Hütte füllten wir unsere Trinkflaschen mit frischem Quellwasser auf. "Das Wasser in der Hütte stammt auch von dieser Quelle, da können wir es auch gleich hier frisch abfüllen", sagte unser Guide Samuel. 

 

Auf einem wunderschön angelegten Weg, aus aneinander gesetzten Steinplatten, ging es sanft ansteigend nach oben. Was für eine Arbeit, diesen Weg anzulegen. Zum einlaufen war er perfekt geeignet, waren unsere Beine doch noch etwas steif von der anstrengenden Tour am Vortag.

 

Slowakische Verhältnisse, an die man sich erst gewöhnen muss

Erkennt ihr die Seen im Hintergrund? Dahinter lag unsere Hütte.
Erkennt ihr die Seen im Hintergrund? Dahinter lag unsere Hütte.

So gechillt ging es jedoch nicht lange weiter. Vor uns zeichnete sich wieder eine 400 Meter hohe Scharte ab, über die wir drüber mussten. Die Höhenmeter hören sich nicht wirklich viel an. Jedoch sind diese auf einem relativ kurzen Stück, was die Neigung der Steigung deutlich macht. Diese steilen, slowakischen Scharten haben es echt in sich, kann ich euch sagen. Vor allem wenn es keinen wirklichen Weg gibt und man oft nur kletternd voran kommt.

 

Wir hatten uns an die Gegebenheiten schon langsam gewöhnt und kamen gut voran. Auch die Felsen waren griffiger als gestern, was mir gleich ein viel besseres Gefühl von Sicherheit gab.

 

Teilziel erreicht - auch wenn es erst der Anfang ist

Unser super Team - mit Samuel, unserem slowakischen Bergführer, vorne in orange.
Unser super Team - mit Samuel, unserem slowakischen Bergführer, vorne in orange.

Yes - wir hatten es geschafft und saßen in der Sonne, oben auf der schmalen Felsscharte. Neugierig schauten wir auf die andere Seite. Ich liebe diese prickelnde Neugier immer, nicht wissend, was einen auf der anderen Seite der Felswand erwarten würde. Ein Kessel, umgeben von mächtigen Felsrücken, mit einem türkisblauen See in der Mitte zeigte sich uns. Diese tolle Aussicht mussten wir erstmal eine Weile genießen, bevor es weiter ging. Ok, ein bisschen zum verschnaufen mussten wir die Pause natürlich auch nutzen ;-)

 

Von hier aus hatten wir auch einen perfekten Blick auf die Gerlachspitze, die mit ihren 2.655 Metern Höhe der höchste Berg der Hohen Tatra darstellt.

 

Da müssen wir uns warm anziehen

Abwechslungsreicher Abstieg von der Scharte.
Abwechslungsreicher Abstieg von der Scharte.

Die angenehm wärmende Sonne hatten wir beim Abstieg leider nicht mehr im Rücken. Statt dessen kraxelten wir durch eine kalte, dunkle und steile Scharte nach unten. Brrrr,  waren die Ketten und Stahlbügel kalt. Da hätte ich mal besser meine Handschuhe angezogen.Trotz der Kälte und den steif gefrorenen Fingern, machte der Abstieg total viel Spaß.

 

Die wirklich sehr unterschiedlichen Wege lassen mich für die Hohe Tatra regelrecht schwärmen. Langweilig wird es einem hier definitiv nicht und wer gefordert werden möchte, hat hier auch gute Chancen, genau das zu bekommen.

 

Möglichkeit einer Alternative

Der Blick von der Scharte hinunter zum See. Auch die Gerlachspitze ist hier links zu erkennen.
Der Blick von der Scharte hinunter zum See. Auch die Gerlachspitze ist hier links zu erkennen.

Am See angekommen, legten wir nur eine kurze Trinkpause ein. Zu kalt war es hier. Übersetzt trägt er übrigens den Namen "Gefrorener See", weil er doch recht lange im Schatten liegt und die Eisschollen noch lange in den Sommer hinein auf ihm schwimmen.

 

Von nun an ging der Weg erstmal gemütlich, leicht bergab weiter. Wir befanden uns wieder auf einem offiziellen Wanderweg, was man sofort daran merkte, wie gut er ausgebaut war. 

 

"Es gibt von hier noch eine andere Möglichkeit weiter zu laufen", unterbrach Samuel unsere Gespräche. "Ich bin diesen Weg noch nie mit Gruppen gelaufen, aber es ist möglich. Ist nicht schwierig..."

und nach einer kurzen Pause kam der Zusatz "nur bisschen".

Habt ihr den gestrigen Bericht schon gelesen? Dann wisst ihr was "nur bisschen" bedeutet, oder?

Gefährlich!!!

 

Gras ist doch nicht so easy

So steil wirkt es jetzt gar nicht - war es aber.
So steil wirkt es jetzt gar nicht - war es aber.

Querfeldein ging es über extrem steile Grasflanken, die alles andere als stabil waren. Keine Ahnung, wie die Gräser hier wachsen, aber wirklich viel Bodenkontakt scheinen sie nicht zu haben.

 

Hinzu kamen große Felsbrocken, die wieder mit den üblichen, rutschigen Flechten überzogen waren. Auf den Fotos wirkt dieser Weg (der meiner Meinung nach kein Weg war), sehr idyllisch und easy. Das entsprach aber überhaupt nicht der Wirklichkeit. Da fühlte ich mich im Fels tausendmal wohler.

 

Die können es halt einfach

Spring du nur da runter, du weißt ja was du tust.
Spring du nur da runter, du weißt ja was du tust.

Gämse beäugten uns aus naher Umgebung. Sie waren sich wohl ziemlich sicher, dass wir tapsige Gestalten keinerlei Gefahr darstellten. Zwei von ihnen rannten den Hang hinunter, in einem Tempo, da wurde mir schon beim Zuschauen schlecht. Teilweise senkrecht gingen sie Felsen nach unten und die hoppsten da runter, als wäre es ein gemütlicher Sonntagsausflug.

 

Die Wegfindung war schwierig und so langsam hatte ich Zweifel, ob Samuel hier überhaupt schon jemals gelaufen ist. Naja, hilft ja jetzt eh nichts mehr, denn umdrehen war keine Option.

 

Weg ist nicht gleich Weg

Erkennt ihr einen Weg? Egal, hier hoch machte es tatsächlich Spaß.
Erkennt ihr einen Weg? Egal, hier hoch machte es tatsächlich Spaß.

Wir kamen wieder auf einen halbwegs vernünftigen Weg, wobei das Wort "Weg" von nun an eine neue Bedeutung bekam. In der Karte war hier natürlich wieder nichts eingezeichnet und Samuel meinte nur: "ist ein Bergführerweg".

 

Tatsächlich machte das nun folgende Stück extrem viel Spaß. Kletternd ging es nach oben, kleinere Querungen waren dazwischen, man konnte immer wieder gut stehen bleiben um kurz auszuruhen und der Fels war super griffig. So kann es ruhig weiter gehen, freute ich mich. Doch ich freute mich zu früh...

 

Echt jetzt? Da geht's lang? Wirklich?

Also vertrauenserweckend sieht das nächste Stück nicht gerade aus. Wo geht es überhaupt lang?
Also vertrauenserweckend sieht das nächste Stück nicht gerade aus. Wo geht es überhaupt lang?

Umgeben von einem Meer aus kleinen und größeren Steinen, fragte ich mich, wo es jetzt überhaupt lang gehen würde. Ich war mir sicher, dass wir hier falsch waren. Steile Felsrinnen mit losen Steinen, die wohl auch des öfteren herunterprasseln, türmten sich vor uns auf. Das wir teilweise auf keinen Wegen laufen, war mir mittlerweile klar und machte das ganze auch abenteuerlich. Aber das hier!?! Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.

 

Scheinbar ging es nicht nur mir so, denn einige der Jungs fluchten bereits. Während ich meine Unruhe schweigend zum Ausdruck brachte, stiegen wir von Männen-Flüchen umgeben eine der Rinnen empor. Einzige Ablenkung waren wunderschöne Kristalle, die es immer wieder in der gerölligen Landschaft zu finden gab. Leider waren diese zu groß, um sie mitzunehmen. Schweren Herzens musste ich sie zurücklassen.

 

Ziemlich zäh das Ganze

Noch relativ am Anfang der Scharte, war uns das Ausmaß noch nicht ganz klar - da haben wir noch gut Lachen.
Noch relativ am Anfang der Scharte, war uns das Ausmaß noch nicht ganz klar - da haben wir noch gut Lachen.

Wir kamen schlecht voran. Gefühlt gingen wir einen Schritt nach oben und rutschten zwei wieder zurück. Die Steine hatten wirklich null Halt - schlimmer noch. Oft kam eine große Fläche ins rutschen und man hatte wirklich Angst, seinen Hintermann zu gefährden. Wir vergrößerten den Abstand zueinander und kämpften uns Stück für Stück nach oben. Das hätte ich auch nie gedacht, dass mir eine Geröllrinne mehr Angst bereitet, als eine ausgesetzte Kletterpassage. So kann man sich täuschen. 

 

Mittlerweile waren wir echt arg weit voneinander entfernt. Ein Teilnehmer wollte einfach nicht mehr weiter laufen und legte einen Sitzstreik ein. Mit lautem Gezeter machte er sich Luft. Ich nahm es irgendwann gar nicht mehr war und wollte nur noch so schnell wie möglich aus dieser unsicheren Situation raus.

 

Pure Erleichterung

Blick von oben, auf die Scharte. Erkennt ihr das orange Seil? Da kamen wir hoch.
Blick von oben, auf die Scharte. Erkennt ihr das orange Seil? Da kamen wir hoch.

Endlich erreichte ich sicher die 600 Meter hohe Scharte und war heilfroh, keinen Felsrutsch los getreten und abbekommen zu haben. Nach und nach waren alle oben, nur einer fehlte. Bevor wir ihn sahen, hörten wir ihn - die Flüche waren nicht zu überhören. "Solange er noch motzt, geht es ihm nicht schlecht", sagte sein Kumpel.

 

Für das letzte Stück wickelte Samuel sein Seil um ein Felsköpfchen und warf es hinab. "Zieh dich daran hoch, das geht besser", gab er Anweisungen. Und tatsächlich, es half und wir waren wieder komplett.

 

Noch weiter hinauf

Auf dem Gipfel des Schnee Haufens
Auf dem Gipfel des Schnee Haufens

"Wir können hier noch rauf auf Gipfel Sneznè Kopy, wenn ihr wollt", schlug Samuel vor. "Ich geh nirgendwo mehr hin", kam gleich die deutliche Ansage eines Teilnehmers.


"Ist es schwierig?", fragte ich. "Nicht schwierig", antwortete Samuel und ich wartete noch kurz, ob sein Zusatz "nur bisschen" kam. Er kam nicht und das war für mich der Moment, in dem ich zustimmte mitzukommen. So kraxelten wir zu sechst auf den 2.327 Meter hohen Berg, der drei Gipfel hatte. So was ähnliches wie "Schnee Haufen", hieß der Name übersetzt. Es lag zum Glück kein Schnee mehr, aber es war bitter kalt. Wieder bestätigte sich, wie schnell sich die Temperaturen in der Hohen Tatra ändern können.

 

Da kommt keine Langeweile auf

Nicht enden wollende Blockfelder, soweit das Auge reicht.
Nicht enden wollende Blockfelder, soweit das Auge reicht.

Nach ein paar Gipfelfotos stiegen wir wieder zu unserem Wartenden Teilnehmer ab. Wie nach jeder erreichten Scharte, stand danach kein Entspannungsprogramm an, sondern es ging anspruchsvoll weiter. Über grobes Blockwerk ging es sehr steil bergab. Jeder Schritt war ein ordentlicher Stoß auf die Knie und selbst die nicht kniegeschädigten spürten mit der Zeit ein Zwicken und Zwacken.

 

Die Hohe Tatra ist echt anders, als das was ich bisher an Trekkingtouren gemacht habe - deutlich anstrengender und schwieriger. Natürlich gibt es auch in den Alpen genug steile Blockfelder, aber hier in der Tatra ist es immer eine Nummer Härter - keine Ahnung warum.

 

Die Anstrengung ist langsam spürbar

Die Pause am See hatten wir uns echt verdient. Im Hintergrund erkennt man die Scharte, auf der wir waren. Weglos führte der Weg hinunter.
Die Pause am See hatten wir uns echt verdient. Im Hintergrund erkennt man die Scharte, auf der wir waren. Weglos führte der Weg hinunter.

Mit zitternden Knien kamen wir am See an und legten erstmal eine Pause ein. Puhhh, ob ich jemals wieder aufstehn kann, fragte ich mich. Meine Beine waren schwer wie Blei. Den anderen ging es genauso.

 

Von nun an war der Weg einfach. Sehr idyllisch ging es durch orange gefärbtes Gras an einem plätschernden Bächlein entlang. Das Sonnenlicht ging langsam auch in einen warmen Orangeton über und lies uns wissen, dass sich der Tag langsam dem Ende zuneigte. Zügig ging es daher weiter. So wirklich wollten die Füße und der Kopf nicht mehr, was man daran merkte, dass es in unserer Gruppe immer stiller wurde. 

 

Da steppt der Bär

Ein schöner Schlafplatz, den er sich da ausgesucht hat :-)
Ein schöner Schlafplatz, den er sich da ausgesucht hat :-)

"Hier ist der Schlafplatz eines Bären", riss uns Samuel aus unseren Gedanken. Na hoffentlich legt sich der Bär nicht all zu früh am Abend schlafen, schoss es mir durch den Kopf.

"Der Bär frisst hier immer die Nüsse des Zirbebaumes", erklärte er weiter.

 

Wir liefen weiter durch den wunderschönen Wald voller Zirben. Hatte ich bisher schon mal Zirben gesehen, fragte ich mich. Mhhh, auf jeden Fall nicht bewusst. Es war ein zauberhafter Weg. Ich genoss die Ruhe und die komplett andere Landschaft sehr. Kaum zu glauben, dass wir vor ein paar Stunden noch durch eine steinige Mondlandschaft liefen.

 

Ankunft am Ziel

Unsere Unterkunft für die nächsten zwei Tage - das Berghotel Popradskè Pleso.
Unsere Unterkunft für die nächsten zwei Tage - das Berghotel Popradskè Pleso.

Krass, was ist das für ein riesen Hotel, mitten in der Pampa? Wir waren erstaunt über dieses Anwesen. Damit hatten wir nicht gerechnet, zumal wir die letzte Nacht noch in einer einfachen Berghütte nächtigten. Brotfertig kamen wir um 18 Uhr am Berghotel Popradskè Pleso an. Wir waren mitten im typischen Touri-Gebiet. Hierher kann man sogar mit dem Auto fahren. Naja, eigentlich war es uns egal, wir wollten nur noch essen, duschen und schlafen.

 

Andi und Flo - unsere beiden Divas ;-) - gönnten sich das Luxuszimmer, während wir andere im Lager nächtigten. Wobei "Lager" echt abwertend klingt. Immerhin hatte jeder sein eigenes Bett und eine Dusche mit frischen Handtüchern gab es auf dem Gang.

 

Wie jeden Abend, schrieb ich nach dem Abendessen mein Tagebuch. Als ich fertig war, fragte ich in die Runde, was es noch wichtiges zu erwähnen gab. "Ich bin froh, dass ich überhaupt noch lebe", sagte einer sarkastisch.  Mit diesen Worten beende ich unsere heutige, abenteuerliche Etappe. 

 

...und hey, es soll nicht den Anschein erwecken, dass wir keinen Spaß hatten, den hatten wir nämlich wirklich sehr (gut, einer glaub eher nicht...). Aber es war echt ein anstrengender und schon auch nervenaufreibender Tag. Wir werden definitiv alle gut heute schlafen ;-)

 

Wie hat euch der Artikel gefallen?

Seid ihr eher der Typ für Aktivurlaub oder chillt ihr lieber am Strand?

 

Schreibt mir gerne in den Kommentaren.


Hier geht es zum Übersichtsartikel.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Anna (Montag, 27 April 2020 14:17)

    Wow, was für eine tolle Tour! Ich bin gerade beim Anschauen total verliebt in die Landschaft! Kommt definitiv auf meine Trekking-Wunschliste!

    und zu deiner Frage – Strandurlaub ist etwas Feines, aber am besten Abschalten kann ich beim Wandern und Klettern :-)

    Viele liebe Grüße
    Anna

Puls der Freiheit Newsletter

Facebook

Instagram