Jetzt aber richtig - König Ortler, wir kommen

Auf den höchsten Berg Südtirols

Da liegt er vor uns, der mächtigste Berg in ganz Südtirol. Erkennt ihr auch die Payerhütte links im Bild?
Da liegt er vor uns, der mächtigste Berg in ganz Südtirol. Erkennt ihr auch die Payerhütte links im Bild?

Letztes Jahr sollte es einfach nicht so sein, dann hoffentlich 2020. Wir statten dem größten und beeindruckendsten Gletscherriesen Südtirols, zum zweiten Mal einen Besuch ab.

 

Der Ortler beeindruckt nicht nur mit seinen fast 4.000 Metern Höhe, sondern auch mit seinem abwechslungsreichen und nicht ganz so einfachen Aufstiegsweg. Alpinisten kommen selbst auf der Normalroute von der Payerhütte aus voll auf ihre Kosten. Teilweise im III. Schwierigkeitsgrad geht es kletternd in Richtung Gletscher, auf dem uns einige große Spalten erwarten. Nicht jedem gebührt die Ehre, dem König Ortler die Hand zu schütteln.

 

Werden wir es dieses mal schaffen?

Versprechen sind zum Halten da

Bereits von der Payerhütte aus hat man einen fantastischen Blick auf den Ortler.
Bereits von der Payerhütte aus hat man einen fantastischen Blick auf den Ortler.

Im Jahr 2019 war ich bereits schon mal hier, im Talort Sulden und sogar oben auf der bekannten Payerhütte. Auch damals sollte das Ziel der Gipfel des Ortlers sein. Aufgrund eines Augeninfekts unseres Seilführers, der plötzlich über Nacht kam, brachen wir schweren Herzens damals unsere Mission ab. Die Traurigkeit war uns wohl ins Gesicht geschrieben, dann gleich beim Frühstück versprach uns Thomas: "ich werde die Tour nächstes Jahr definitiv nochmal mit euch machen, versprochen."

 

Dann kam 2020 und damit auch Corona, Lockdown und Co. Wer hätte das gedacht, dass wir wirklich in diesem Jahr auf dem König Ortler stehen würden.

 

Nach einer langen Anreise entzücken die Berge

Die fotogene Pfarrkirche in Sulden.
Die fotogene Pfarrkirche in Sulden.

Nach einer langen Autofahrt stiegen wir bei bestem Wetter aus dem Auto und erfreuten uns sogleich über die tolle Aussicht auf die Berge. Das Bergdorf Sulden ist von sage und schreibe 14 Dreitausendern umgeben, allen voran natürlich mit 3.905 Metern Höhe der Ortler. 

 

Pünktlich erreichten wir noch die Seilbahn, die kurz nach uns zur Mittagspause schloss. Wir ließen es ruhig angehen und gönnten uns die ersten Höhenmeter mit der Seilbahn. Ich genoss die Stille allein in der Bahn, ließ die frische und immer kälter werdende Bergluft um meine Nase wehen, schoss das ein oder andere Foto und war schon etwas nervös, als ich an den morgigen Tag dachte. Ob wir es alle gut nach oben schaffen werden?

 

Schönes Wiedersehen

Oben auf dem grünen Bergrücken könnt ihr die Tabarettahütte erkennen.
Oben auf dem grünen Bergrücken könnt ihr die Tabarettahütte erkennen.

Ich freute mich sehr, die Anderen wieder alle zu sehen. Wir waren genau die gleiche Gruppe wie vor einem Jahr, nur einer fehlte. Ein Jahr lang hatten wir uns nicht mehr gesehen und irgendwie fühlte es sich an, als wäre es erst gestern gewesen.

 

Bereits der ca. 1,5 stündige Weg zur Tabarettahütte ist wunderschön. Vor allem das riesige Geröllfeld beeindruckte mich damals wie auch heute. Vor der mächtigen Nordwand des Ortlers sind Tonnen an Steinen und Geröll vorhanden, es gleicht einem grauen, felsigen Meer. Die Wege sind super angelegt und so läuft es sich auf dieser Piste echt super. Kurz vor dem Aufstieg zur Hütte sind einige Gedenktafeln von verunglückten Bergsteigern/innen angebracht, die uns inne halten ließen. So schnell kann das Leben vorbei sein, daher genießt jeden Atemzug.

 

Mit Motivation zur Tabarettahütte

Auf der Tabarettahütte lässt es sich gut speisen und die Aussicht genießen.
Auf der Tabarettahütte lässt es sich gut speisen und die Aussicht genießen.

Knackig bergauf geht es das letzte Stück zur Tabarettahütte. Die Aussicht auf einen Kuchen...ähhh ich meine selbstverständlich auf den Ortler motivierte. Beides gibt es auf der Hütte, aber dafür muss man erst mal hoch kommen.

 

Ich fühlte mich etwas außer Kondition. Wir waren Anfang August hier und davor reichte es mir nicht wirklich zu trainieren. Ein Wochenende in den Bergen hatte ich kurz davor (hier geht's zum Artikel), dass war's. Durch Corona und einige private Umstände war ich außerdem nicht so oft in meinem Sport, den ich sonst regelmäßig betreibe. Wir werden sehen, ob die Kraft- und Ausdauerreserven für den Ortler reichen - der Wille ist auf jeden Fall schon mal da ;-)

 

Aber erst verlangt es mir nach einem ordentlichen Stück Kuchen :-P

 

Was für eine überwältigende Aussicht

Unten links, auf dem grünen Rücken liegt die Tabarettahütte. Rechts oben, unterhalb des Ortler, erkennt ihr die Payerhütte.
Unten links, auf dem grünen Rücken liegt die Tabarettahütte. Rechts oben, unterhalb des Ortler, erkennt ihr die Payerhütte.

Mit einem vollen Kuchen-Bauch ging es zum Glück erst mal parallel zum Berg weiter - sehr angenehm, um so nach einer Pause wieder in Schwung zu kommen. Doch ein paar Höhenmeter mussten wir schon noch zurücklegen, immerhin liegt die Payerhütte auf knapp über 3.000 Metern Höhe. 

 

In Kehren ging es weiter bergauf. Ich war ganz froh, dass wir ab und zu in der Gruppe stehen blieben, um Fotos der überwältigenden Gegend zu machen. So konnte ich nicht nur die Aussicht genießen, sondern auch kurz durchatmen. Eine Stelle gefiel mir ganz besonders - die Tabaretta- und die Payerhütte waren zu sehen und passten ganz knapp gemeinsam auf ein Foto drauf. Im Hintergrund sieht man die mächtige Eisflanke des Ortlers. Wer keine Hochtouren geht, sollte sich den Besuch auf der Payerhütte, die man ohne Eis erreichen kann, definitiv nicht entgehen lassen. 

 

Herzlicher Empfang auf der Payerhütte

Der Blick im Licht der untergehenden Sonne auf den Ortler ist einfach nur traumhaft schön.
Der Blick im Licht der untergehenden Sonne auf den Ortler ist einfach nur traumhaft schön.

Das letzte Stück zur Hütte beinhaltet seilversicherte Passagen, die sehr gut zu gehen sind. Nach insgesamt ca. 3 Stunden ab der Seilbahnstation, hatten wir unser Ziel des heutigen Tages erreicht.

 

Wie ein Adlerhorst thront die Payerhütte auf den steilen Felswänden unterhalb des Ortlers - wirklich sehr beeindruckend. Wir wurden von der Hüttenwirtin Filomena freudig begrüßt, die hier schon seit einer halben Ewigkeit die Bergsteiger/innen sehr gut versorgt. Unmöglich, dass sie uns wirklich wieder erkannte, aber genauso fühlte es sich an, als wären wir alte Bekannte.

 

Aufgrund seiner Berühmtheit, wird der Ortler über diese Normalroute extrem oft bestiegen. Daher sollte man die Übernachtung auf der Hütte in jedem Fall vorher buchen.

 

Corona-Hygienemaßnahmen auch auf der Berghütte

Wir konnten an diesem Abend sogar den Reschensee von der Hütte aus erkennen.
Wir konnten an diesem Abend sogar den Reschensee von der Hütte aus erkennen.

Auf der Hütte war alles super organisiert und so hatten wir trotz Corona ein sicheres Gefühl. Die Lagerplätze standen weit genug voneinander entfernt und zudem wurden deutlich weniger Buchungen angenommen, als es bisher der Fall war. Gegessen wurde in zwei Schichten, beim Frühstück wie auch beim Abendessen. War man mit seiner Gruppe nicht an der Reihe, musste man den Speisesaal in dieser Zeit verlassen. Wir vertrieben uns so lange auf der Terrasse die Zeit mit Trockenübungen für den morgigen Besteigungstag. 

 

Nicht zu vergessen, die tolle Sonnenuntergangsstimmung, die sich uns bot. Da bleibt man doch sehr gerne draußen stehen und genießt einfach den Blick und hängt seinen Gedanken nach.

 

An diese Uhrzeiten werd ich mich nie gewöhnen

Im Dunkeln sieht der Ortler irgendwie noch mächtiger aus, oder?
Im Dunkeln sieht der Ortler irgendwie noch mächtiger aus, oder?

Der Wecker klingelte mitten in der Nacht:

"Guten Morgen, aufstehen, es geht los", weckte uns Thomas, der gefühlt schon seit einer halben Ewigkeit wach war, so frisch wie er sich anhörte. Ich hingegen fühlte mich noch etwas knatschig.

 

Ich kann mich gar nicht mehr an die genaue Uhrzeit erinnern, nur daran, dass wir in der 2. Schicht eingeteilt waren. Wir hatten also bereits ein paar Seilschaften vor uns, die auf dem Weg Richtung Gipfel waren. Laut Zeitstempel der Fotos standen wir um 4 Uhr nachts in der klaren Dunkelheit, am Fuße des Ortlers und waren abmarschbereit.

 

Teamgeist sollte am Berg selbstverständlich sein

Den Abstiegsteil hatten wir schon mal hinter uns. Ab jetzt ging es nur noch bergauf.
Den Abstiegsteil hatten wir schon mal hinter uns. Ab jetzt ging es nur noch bergauf.

Selbst im Zweischicht-Betrieb war immer noch viel los. Zahlreiche Bergführer sind hier täglich unterwegs, um mit ihren Klienten den Gipfelsturm zu wagen.

"Los schnell, wir müssen vor den langsamen Deutschen los," fauchte einer zu seiner Gruppe und drückte sich unsanft an uns vorbei.

Bei sowas bin ich immer viel zu perplex und bringe keinen Ton mehr raus. Innerlich regte ich mich über so wenig Teamgeist dennoch auf. Wir ließen die Gruppe ziehen, warteten sogar, bis alle der Anderen so weit waren. Später sollten wir die Gruppe am Berg wieder treffen, die so einige Gruppen hinter sich blockierte. Naja, was soll man dazu sagen...

 

Stau's sind vorprogrammiert

An den angebrachten Ketten kommen wir gut voran.
An den angebrachten Ketten kommen wir gut voran.

Nach einigen Schritten und Klettereien in der Dunkelheit, im Licht der Stirnlampen, begann so langsam der Sonnenaufgang einzusetzen. Spätestens mit ihm war der nörgelnde Bergführer vergessen und wir erfreuten uns nur noch an der Schönheit der Berge.

 

Zeit zum Genießen hatten wir genug, denn vor uns stauten sich bereits die anderen Gruppen. Eine mächtige Felswand geht es kletternd hinauf. Von unten sieht es wie so oft unüberwindbar aus. Doch Dank der Ketten, welche im Fels angebracht sind, ist es keine große Mühe. 

Später kommen noch etwas schwierigere Stellen im

III. Schwierigkeitsgrad dazu. Hier gibt es Stangen und Haken, an denen man sich sichern kann, was wir auch gemacht hatten. Schließlich waren wir als geführte Tour mit dem DAV unterwegs und da trägt der Tourenleiter eine hohe Verantwortung und geht natürlich auf Nummer sicher.

 

Wir kommen dem Gletscher immer näher

Auch hier helfen Ketten und Stahltritte, die glatte Felswand zu queren.
Auch hier helfen Ketten und Stahltritte, die glatte Felswand zu queren.

Kurz vor dem sogenannten Bärenloch, und somit dem Einstieg auf den Gletscher, gab es nochmals eine Art Klettersteigpassage. Stahltritte erleichterten das Vorankommen und das Ganze sah schlimmer aus, als es ist. Auch hier sicherten wir uns mit Bandschlingen zusätzlich ab. 

 

Nach einem ungewöhnlich langen und anspruchsvollen Zustieg, kamen wir endlich auf dem Gletscher an. Unvorstellbar, dass dieser einmal bis zur Payerhütte reichte. Ich freute mich sehr, dass wir nun endlich auf dem Eis weiter konnten und sich die anfänglichen Staus etwas gelegt hatten.

 

Ein stilles Örtchen sucht man hier vergebens

Hier erkennt man das steile Stück, als wir uns gerade im Abstieg befinden. Im Hintergrund sieht man im Grünen das bekannte Stilfserjoch.
Hier erkennt man das steile Stück, als wir uns gerade im Abstieg befinden. Im Hintergrund sieht man im Grünen das bekannte Stilfserjoch.

Die erste heikle Stelle ließ nicht lange auf sich warten.

Ein ca. 35 Grad steiler Hang musste überwunden werden. Dazu kam, dass dieser teilweise ziemlich fies mit Blankeis überzogen war und es keine Sicherungsmöglichkeiten gab. Bloß nicht ausrutschen, dachte ich mir die ganze Zeit und lief langsam und konzentriert bergauf. Das kann im Abstieg nachher ja was werden - bergauf finde ich was sowas angeht immer angenehmer.

 

Wir kamen alle sicher auf der kleinen Ebene an, an der auch das Lombardi Biwak steht. Nachdem die Aussicht nach oben wieder zahlreiche Seilschaften zeigte und Ruhe nicht in Sicht war, entschied ich mich hier mal schnell in die Hocke zu gehen. Als Frau auf dem Gletscher, mit Klettergurt, Seilschaft und Zuschauern für mich jedes mal eine Zumutung. 

 

Nicht über Stock und Stein, sondern über Spalten und Eis

Der Gipfel ist von hier noch nicht in Sicht, dafür erkennt man aber bereits einige Spalten.
Der Gipfel ist von hier noch nicht in Sicht, dafür erkennt man aber bereits einige Spalten.

Der Blick nach oben über den Gletscher war einfach fantastisch. Endlich kamen wir aus dem Schatten raus und hatten den strahlend weißen, im Sonnenlicht funkelnden Gletscher vor uns. Auf unserem Weg nach oben mussten wir die ein oder anderen Spalten überwinden, die teilweise echt groß waren. Manche konnten wir mit einem großen Schritt oder Sprung bezwingen. Auf anderen mussten wir zwangsläufig langlaufen, was in mir jedes mal ein mulmiges Gefühl auslöste. Hoffentlich wird sie halten, betete ich innerlich immer. 

 

Wir kamen sehr gut voran und meine Sorge vom Vortag, ich könnte wegen meiner Kondition Probleme bekommen, war völlig unbegründet. Ich fühlte mich super und freute mich darüber sehr.

 

Gipfelglück auf über 3.900 Metern

Bei echt heißen Temperaturen stehen wir auf dem Gipfel und grinsen :-)
Bei echt heißen Temperaturen stehen wir auf dem Gipfel und grinsen :-)

Noch erfreuter war ich, als ich endlich den Gipfel des Ortlers zu Gesicht bekam. Okay, wir mussten noch ein echt langes Gletscherbecken queren, aber dennoch löste diese Sicht von unten eine gewisse Euphorie in mir aus.

 

Oben auf dem Gipfel war ein reges Treiben. Von überallher schienen andere Bergsteiger gekommen zu sein, um hier oben die Aussicht zu genießen und dem König einen Besuch abzustatten. Für das Gipfelfoto mussten wir regelrecht anstehen. Mein Vesperplätzchen war auch nicht gerade einladend. Die Aussicht war phänomenal, keine Frage. Nur gab es so wenig Platz hier oben und zu viele Menschen, dass ich nur im Stehen in mein Brot beißen konnte. So ist das nun mal mit Berühmtheiten, wie dem Ortler.

 

Ende gut, alles gut - und ne leckere Sachertorte, die den Abend versüßt

Die Aussicht auf die Payerhütte vom Gletscher aus. So klein wirkt sie von hier oben.
Die Aussicht auf die Payerhütte vom Gletscher aus. So klein wirkt sie von hier oben.

Auf dem gleichen Weg ging es wieder bergab und mit uns natürlich zig weitere Bergsteiger. Staus an den Schlüsselstellen waren vorprogrammiert. So sollte man daher zur reinen Besteigungszeit (Auf und ab von der Payerhütte ca. 6 Stunden) noch einiges an Zeit oben drauf schlagen. An schönen Tagen kommen hier weit über 100 Bergsteiger hinauf. 

 

Am Tschierfeckwandl seilten wir uns ab, was die anderen Seilschaften in der Regel auch taten. Bis hier alle durch sind, kann schon einige Zeit vergehen. Wir hatten Glück, denn der Tag war perfekt - kein Gewitter das sich abzeichnete und einen wärmenden Sonnenschein, der das Warten angenehm machte.

 

Auf der Payerhütte wartete dann eine leckere Sachertorte auf uns, die den rundum gelungenen Tag perfekt zum Ende brachte.

 

Ihr wollt die Tour auch gehen? Hier findet ihr den GPX-Track dazu:

Wer nur bis zur Payerhütte wandern möchte, findet den GPX Track hier.:

Wie hat euch der Artikel gefallen?

Gibt es einen Gipfel, den ihr unbedingt mal erklimmen wollt? Verratet ihn mir gerne.

 

Schreibt mir gerne in den Kommentaren.


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