Dolomitendurchquerung Etappe 3: von der Pisciadu Hütte zur Boè Hütte & auf den Piz Boè

Gipfeltag auf dem Piz Boè in der Sella-Gruppe - zwischen Weitblick und Gemeinschaft

Gipfel des Piz Boè auf 3152 Metern in den Dolomiten

Der dritte Tag unserer Dolomitendurchquerung führt uns hoch hinaus – mitten hinein in die steinige Welt der Sella-Gruppe und hinauf auf den Piz Boè, den höchsten Gipfel dieses gewaltigen Gebirgsmassivs. Zwischen stillen Morgenmomenten am Pisciadusee, karger Mondlandschaft auf dem Hochplateau und dem lebendigen Gipfel auf über 3.000 Metern erleben wir eindrucksvolle Kontraste.

 

Es ist eine Etappe, die nicht nur Trittsicherheit fordert, sondern auch Raum für Gemeinschaft, Staunen und gegenseitiges Vertrauen lässt. Begegnungen mit Steinböcken, spektakuläre Fernblicke auf Marmolata und Langkofelgruppe, sowie das besondere Gefühl, gemeinsam als Gruppe zu wachsen, machen diesen Tag zu einem echten Highlight unserer Tour. Eine Etappe voller Emotionen, Weitblicke und alpiner Intensität – genau so, wie man sich eine Dolomiten-Durchquerung wünscht.

Tourenfakts

Dauer: 5 Stunden (2,5h zur Boè Hütte, weitere 2,5h Gipfeltour Piz Boè)

↔️ Kilometer: 8,1

⬆️ Anstieg: 770

⬇️ Abstieg: 470

Schwierigkeit: Mittel

Art der Tour: Etappentour inkl. Gipfelbesteigung

🍴 Einkehrmöglichkeit: Boè-Hütte, Rifugio Capanna Piz Fasso

🛏️ Übernachtung: Boè-Hütte

Route: Pisciadu-Hütte - Zwischenkofel - Boè Hütte - Piz Boè - Boè Hütte

Den .gpx-Track zum Herunterladen findest Du am Ende des Artikels.

Aufwärmprogramm, bevor unsere Wanderetappe startet

Es tut richtig gut, die Gelenke und den Körper mit Gymnastik auf die kommende Bergtour vorzubereiten.
Es tut richtig gut, die Gelenke und den Körper mit Gymnastik auf die kommende Bergtour vorzubereiten.

Nach einer gemütlichen Nacht und einem wirklich erholsamen Schlaf startet für uns der dritte Tag unserer Dolomiten-Durchquerung. Schon beim Frühstück liegt eine besondere Ruhe in der Luft – diese Mischung aus Vorfreude und Respekt vor dem, was vor uns liegt. Statt hektischem Aufbruch lädt unser heutiges Guide-Team uns anschließend zu einer kleinen Aufwärm- und Dehnungsrunde neben dem Pisciadusee ein.

 

Wie du vielleicht schon aus den vorherigen Etappenberichten weißt, sind wir mit einer erlebnispädagogischen Gruppe von Aventerra e. V. unterwegs. In diesem Kontext bedeutet Bergwandern mehr, als einfach nur Schritt für Schritt einer Route zu folgen. Die jungen Erwachsenen die Timo und ich eine Woche lang begleiten, übernehmen Verantwortung: für die Orientierung, für die Kommunikation in der Gruppe, für das richtige Tempo.

 

Start unserer 3. Etappe an der Pisciaduhütte

Aufstieg nach der Pisciadu-Hütte, auf unserer 3. Etappe der Dolomitendurchquerung.
Im Tal hängt noch dichter Nebel und die Pisciadu-Hütte spiegelt sich im gleichnamigen See.

An diesem Morgen entscheiden sich die drei Jungs ganz bewusst für einen achtsamen Start. Nicht kalt loslaufen, sondern erst den Körper wecken, Gelenke mobilisieren, die Muskeln auf das Kommende vorbereiten.

Die Stimmung am See könnte passender kaum sein. Nebelschwaden ziehen leise an uns vorbei, umhüllen die umliegenden Felsen und geben immer wieder den Blick frei, wenn die Sonne kurz durch die dichten Wolken blitzt. Es ist still, fast meditativ. Ein Moment, der erdet – bevor es ernst wird.

 

Nach dem Aufwärmen schultern wir unsere Rucksäcke, ziehen die Gurte fest und brechen auf. Direkt an der Westflanke der Pisciaduspitze beginnt der schmale Geröllpfad. Der Weg nimmt sofort Fahrt auf – stetig bergauf, Schritt für Schritt, konzentriert und gleichmäßig. Der dritte Abschnitt unserer Dolomitenüberquerung hat begonnen.

 

Kraxeln an der Pisciaduspitze: Gesicherte Passagen auf Etappe 3 der Dolomitentour

Kraxelpassage mit Stahlseil an der Pisciaduspitze in der Sella-Gruppe
Die Stahlseilpassagen der Schwierigkeit T3, unmittelbar nach der Pisciadu-Hütte, meistern alle souverän.

Schon kurz nach dem Aufbruch zeigt sich das Gelände von seiner anspruchsvolleren Seite. Der schmale Steig ist immer wieder von felsigen Passagen durchsetzt, die mit Stahlseilen abgesichert sind. Wandern geht hier fließend ins Kraxeln über. Hände kommen zum Einsatz, der Fokus wird schärfer, jeder Schritt bewusster gesetzt. Gleich zu Beginn fordert uns diese Etappe — körperlich wie mental.

 

Umso schöner ist es zu sehen, wie sicher und souverän die Teilnehmenden diese Stellen bewältigen. Im Vergleich zur Etappe gestern ist deutlich spürbar, wie viel Routine und Selbstvertrauen innerhalb kürzester Zeit gewachsen sind. Bewegungen wirken ruhiger, die Kommunikation klar, das gegenseitige Absichern selbstverständlich. Wir finden schnell unseren Rhythmus und kommen in einem konstanten, gleichmäßigen Tempo sehr gut voran.

 

Forcella de Antessas: Hochplateau und Weitblicke in der Sella-Gruppe

Licht und Schattenspiel in der Sella-Gruppe, kurz nach der Pisciadu-Hütte
Für diese Bergblicke lohnen sich alle Schweißtropfen, oder?

Beim Zurückblicken wird sichtbar, wie schnell wir an Höhe gewinnen. Die Pisciaduhütte und der tief unter uns liegende See werden mit jedem Meter kleiner. Doch nicht nur der Blick zurück ist faszinierend — gegenüber erheben sich die schroffen, gelblich schimmernden Felszacken der Sella-Gruppe. Das Spiel aus Licht und Schatten an diesem frühen Morgen ist schlicht atemberaubend. Sonnenstrahlen tasten sich über die steilen Wände, während Nebelfetzen noch in den Tälern hängen. Wir genießen diesen Weg in vollen Zügen.

 

Nach etwa einer Stunde erreichen wir schließlich die Forcella de Antessas. Oben angekommen öffnet sich eine neue Welt. Wir stehen auf einem felsigen Hochplateau, das beinahe surreal wirkt — karg, weit und still wie eine Mondlandschaft. Vor uns breitet sich das berühmte Mittagstal aus, dominiert vom markanten Bergturm des Torre Berger, der wie ein steinerner Wächter aus der Landschaft ragt. Ein Moment zum Staunen, Durchatmen und Ankommen — mitten im Herzen der Dolomiten.

 

Zwischenkofel (Antarsass) auf 2.907 m: Erstes Gipfelerlebnis der Etappe

Mittagstal, Pisciaduspitze und Torre Berger von der Forcella de Antessas in der Sella-Gruppe
Blick auf die Pisciaduspitze, die wir zuvor halb umrundet haben.

Der Weg führt uns weiter stetig bergauf durch die karge Steinwüste. Kaum Vegetation, dafür Geröll, Felsblöcke und diese ganz besondere Hochgebirgsstille, die nur von knirschenden Schritten unterbrochen wird. Nach etwa einer halben Stunde erreichen wir schließlich einen eher unscheinbaren Gipfel: den 2.907 Meter hohen Zwischenkofel, auch Antarsass genannt.

 

Unspektakulär in seiner Form, dafür umso eindrucksvoller in seiner Aussicht. Von hier oben öffnet sich ein fantastischer Rundblick. Direkt vor uns thront der Gipfel des Piz Boè – unser späteres Tagesziel, das wir heute noch erklimmen werden. Schon jetzt löst sein Anblick spürbare Vorfreude aus. In der Ferne erkennen wir außerdem die Podoi-Hütte, klein und fast verloren in der monumentalen Landschaft. Obwohl es von hier aus zur Boè-Hütte gar nicht mehr allzu weit ist, bleibt sie unserem Blick noch verborgen.

 

Gipfelvorfreude am Piz Boè: Hüttenblick, Rätsel und Begegnungen

Steinwüste rund um den Piz Boè in der Sella-Gruppe
Erkennst du die Hütte hoch oben auf dem Piz Boè? Hier geht es später auch noch hoch.

Was wir allerdings bereits sehen, ist die berühmte Hütte hoch oben auf dem Gipfel des Piz Boè selbst. Allein der Gedanke daran zaubert vielen ein Lächeln ins Gesicht. Spätestens beim Stichwort Espresso steigt die Motivation noch einmal deutlich.

Ein weiteres Detail sticht uns ins Auge: Mitten auf dem Gipfel des Piz Boè steht eine riesige, rechteckige Tafel. Aus der Ferne wirkt sie wie eine große, blecherne Konstruktion, doch ihre Bedeutung erschließt sich uns nicht. Also greife ich zum Fernglas. Näher kommen wir ihr dadurch zwar optisch, doch das Rätsel bleibt bestehen. Was genau es mit dieser Tafel auf sich hat, werden wir erst später – ganz oben – wirklich verstehen.

 

Hier oben auf dem Felsplateau treffen wir auch erneut auf die Gruppe der Alpinschule Garmisch. Die Wiedersehensfreude ist groß. Genau das ist eine der schönsten Seiten von Mehrtagestouren in den Alpen: Man begegnet sich immer wieder, teilt Erfahrungen, tauscht ein paar Worte, wächst sich fast unmerklich ans Herz. Schade, dass sich unsere Wege heute trennen, da sie auf einer anderen Hütte übernachten. Doch wer weiß – vielleicht kreuzen sich unsere Pfade in den kommenden Tagen an ganz anderer Stelle in den Dolomiten erneut.

 

Steinböcke und Massentourismus: Unterwegs Richtung Piz Boè

Vorfreude auf den Gipfel des Piz Boè während des Anstiegs
Fasziniert bestaunen wir die Steinbockherde, die sich unter uns auf den Felsen bewegt.

In einem weiten Bogen führt uns der Weg nun erst einmal ein Stück bergab. Unten in der Senke bleiben die ersten aus unserer Gruppe plötzlich stehen. "Was ist?", fragen die hinteren. "Dort unten stehen ganz viele Steinböcke", flüstern wir. Mit Ferngläsern bewaffnet richten sich alle Blicke auf die Herde von Steinböcken, die sich scheinbar mühelos durch das felsige Gelände bewegt. Diese Begegnung berührt uns alle. Die Ruhe, die Kraft und Selbstverständlichkeit dieser Tiere im Hochgebirge wirken beinahe zeitlos. Für einen Moment scheint alles andere weit weg, während wir sie still und voller Ehrfurcht beobachten.

 

Doch die Idylle bekommt schnell einen Kontrast. Zwischen Fels und Himmel tauchen kleine schwarze Punkte auf, die sich langsam die Flanke auf den Piz Boè hinaufbewegen. Erst beim genaueren Hinsehen wird uns klar: Das sind Hunderte von Menschen, die sich auf den Weg zum Gipfel machen. Ehrlicherweise bin ich ziemlich geschockt. So viel Betrieb in dieser sonst so rauen, stillen Landschaft hatte ich nicht erwartet.

 

Boè-Hütte: Übergang zwischen stiller Hochgebirgswelt und belebtem Gipfelglück

Piz-Boè-Hütte auf 2871 Metern in der Sella-Gruppe
Die Boè-Hütte liegt in Mitten in der kargen Dolomitenlandschaft.

Der Grund dafür wird schnell deutlich. Der Piz Boè, mit seinen 3.152 Metern der höchste Gipfel der Sella-Gruppe, ist durch eine nicht weit entfernte Seilbahn relativ leicht erreichbar. Das macht diesen Anstieg besonders beliebt – und eben auch entsprechend frequentiert. Eine gewisse Neugier mischt sich nun unter meine Gedanken. Wie wird sich dieser Ort anfühlen, wenn wir selbst dort oben ankommen? Wird sich das Gipfelerlebnis trotzdem stimmig anfühlen?

  

Noch ist es nicht so weit. Ein letzter Schlussanstieg durch felsiges Gelände liegt vor uns. Noch einmal heißt es konzentriert steigen, Tritte setzen, den Blick nach vorne richten. Dann öffnet sich der Blick – und nach ca. 2,5 Stunden liegt sie vor uns: die Boè-Hütte. Frisch renoviert, überraschend groß und damit bisher die größte Hütte unserer Dolomiten-Durchquerung. Ein markanter Ort, der den Übergang markiert – von der kargen und stillen Hochgebirgswelt, hinein in einen der belebtesten Plätze dieser Etappe.

 

Boè-Hütte: Rastplatz und Ausgangspunkt für den Gipfelanstieg zum Piz Boè

Hüttenkatze auf der Piz-Boè-Hütte während der Dolomitenüberquerung
Die Hüttenkatze auf der Boè Hütte ist bei uns allen sehr beliebt.

An der Boè-Hütte angekommen, gönnen wir uns erst einmal genau das, wonach sich Körper und Kopf sehnen: eine ausgiebige Pause. Auf der großen Dachterrasse, direkt in der Sonne, lassen wir uns nieder und genießen die Köstlichkeiten, die diese Hütte zu bieten hat. Kuchen, Cappuccino, wärmende Suppen und andere Leckereien wandern über den Tisch. Lachen, Gespräche, zufriedene Gesichter – hier lässt es sich wirklich aushalten.

 

Das Innere der Hütte überrascht. Es gleicht fast einem modernen Hotel, als einer klassischen Berghütte und dennoch verliert sich die alpine Atmosphäre kein bisschen. Holz, Licht und die umliegenden Berge sorgen dafür, dass man sich trotz Komfort klar im Hochgebirge verortet. Wir beziehen unsere Lager und nutzen die Gelegenheit, die Rucksäcke deutlich zu erleichtern. Alles, was wir für den Gipfelgang nicht benötigen, bleibt hier. 

 

Gipfelanstieg zum Piz Boè: Der sichere T3-Weg und eindrucksvolle Ausblicke

Hochgebirgslandschaft beim Aufstieg auf den Piz Boè Gipfel in den Dolomiten
Die Landschaft um den Piz Boè ist total schroff, kark und erinnert an eine Steinwüste.

Unser Highlight dieser Etappe steht an: der Aufstieg zum Gipfel des Piz Boè. Für Hin- und Rückweg sind etwa 2,5 Stunden einzuplanen. Wir entscheiden uns ganz bewusst für den etwas längeren, aber technisch leichteren Weg. Mit einer Schwierigkeit von T3 erscheint er uns als die sicherste Wahl – insbesondere, da wir bereits wissen, wie viele Menschen heute hier unterwegs sind. Sicherheit, Übersicht und ein ruhigerer Gehfluss stehen für uns klar im Vordergrund.

 

Zunächst führt der Weg gemütlich und beinahe eben um einen Teil des Berges herum. Die Landschaft wirkt kark und faszinierend zugleich. Besonders ins Auge fallen die dunkelorange gefärbten Felsbrocken, die sich immer wieder deutlich vom sonst hellen, weißen Kalkgestein abheben. Ein eindrucksvoller Farbkontrast, der diese Hochgebirgswelt noch einmal besonders wirken lässt.

Dazu kommt der Blick auf die Marmolata, die sich majestätisch und fast zum Greifen nah auf der gegenüberliegenden Seite erhebt. Ihr eisbedeckter Gipfel bildet einen starken Gegensatz zur kargen Umgebung. Und in der Ferne erkennen wir bereits unser morgiges Tourenziel in der Langkofelgruppe – ein stiller Vorgeschmack auf das, was uns am nächsten Tag erwarten wird.

 

Aufstieg zum Piz Boè: Trittsicherheit, Geduld und Rücksicht

Aufstieg zum Piz Boè mit zahlreichen anderen Bergsteigern
Diese Menschenmassen ziehen sich den gesamten Piz Boè hinauf.

Trotz der wirklich enormen Anzahl an Menschen, die an diesem Tag unterwegs sind, verläuft der Aufstieg erstaunlich entspannt. Ganz anders als gestern beim steilen Anstieg durch das Val Setus lassen sich die Wege hier deutlich besser organisieren. An vielen Stellen ist genug Platz, um auszuweichen, entgegenkommende Bergsteiger passieren zu lassen oder selbst langsamere Gruppen zu überholen. Das sorgt für einen insgesamt flüssigeren und ruhigeren Bewegungsfluss, als wir es zunächst erwartet hatten.

 

Was besonders auffällt, ist die unglaubliche Vielfalt der Menschen, die sich an diesem Tag auf den Weg zum Gipfel des Piz Boè machen. Hier trifft wirklich alles aufeinander: topfitte, bestens ausgerüstete Berggeher ebenso wie offensichtlich wenig bergerfahrene Menschen, die sich keuchend Schritt für Schritt nach oben kämpfen – teils mit erstaunlich ungeeignetem Schuhwerk. Von kleinen Kindern bis hin zu sehr betagten Bergfreunden ist hier jede Altersklasse vertreten.

Einerseits ist es schön zu sehen, wie zugänglich dieser Berg ist und wie viele unterschiedliche Menschen er anzieht. Andererseits sollte jedem, der diesen Aufstieg plant bewusst sein, dass hier Rücksichtnahme, Geduld und gelegentliches Warten einfach dazugehören. Für uns ist das heute zum Glück kein Problem. Wir haben alle Zeit der Welt. Das Wetterfenster wirkt stabil, der Himmel zeigt sich verlässlich – und es gibt keinerlei Hektik.

 

Gipfel des Piz Boè (3.152 m): Höchster Punkt der Sella-Gruppe

Panoramablick vom höchsten Gipfel der Sella-Gruppe, dem Piz Boè
Hoch oben auf dem Gipfel des Piz Boè mit Blick auf die Puez Geisler Gruppe.

So können wir den technisch durchaus anspruchsvollen Aufstieg bewusst genießen. Immer wieder sind Stahlseile angebracht, an denen man sich zusätzlich sichern kann. An mehreren Passagen ist der Weg steil und schottrig. Gerade bei Bergwanderungen in den Alpen sollte man Trittsicherheit und Schwindelfreiheit unbedingt mitbringen. Besonders im späteren Abstieg, wenn sich der Blick nach unten öffnet, wird die Steilheit dieses Geländes noch einmal sehr deutlich spürbar.

 

Voller Stolz erreichen wir schließlich den Gipfel des Piz Boè – mit 3.152 Metern der einzige Dreitausender der gesamten Sella-Gruppe. Ein besonderer Moment, der nachwirkt. Oben angekommen trifft uns allerdings erst einmal die Realität: Menschen, Menschen, Menschen. Der Trubel ist groß und wir brauchen einen Moment, um uns zu orientieren und einen Platz für uns zu finden.

Das Gipfelareal zeigt sich lebendig und vielfältig. Einige kehren in die urige Rifugio Capanna Piz Fassa ein und genießen genüsslich ihren Espresso auf über 3.000 Metern. Andere suchen sich halbwegs ruhige Felsen, setzen sich, lassen die Beine baumeln und blicken einfach nur staunend in die Ferne.

Diese Aussicht ist wirklich schwer in Worte zu fassen. Egal in welche Richtung man schaut – überall eröffnet sich ein atemberaubendes Panorama über die Dolomiten. Schroffe Gipfel, weite Täler, bekannte Gebirgszüge. Besonders bewegend ist der Moment, als wir in der Ferne sogar unsere Puez-Hütte vom ersten Etappentag erkennen und den bisherigen Verlauf unserer Dolomitenüberquerung förmlich nachzeichnen können.

 

Gipfelkreuz auf dem Piz Boè: Zwischen Symbolik und moderner Markierung

Kleines Gipfelkreuz auf dem Piz Boè in den Dolomiten
Gipfelfoto auf dem Piz Boè - kleines Gipfelkreuz und die markante Blechtafel im Hintergrund.

Natürlich darf auch das Gipfelkreuz nicht fehlen. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche – und müssen schmunzeln, als wir es schließlich entdecken. Statt eines mächtigen Kreuzes finden wir ein kleines metallisches Kreuz, geschmückt mit ein paar bunten Nepalflaggen.

Unübersehbar im Hintergrund steht die riesige, rechteckige Blechwand, die wir bereits vom Zwischenkofel aus gesehen haben. Schön ist sie wirklich nicht. Später werde ich noch nachschlagen, was es mit diesem Bauwerk auf sich hat. Tatsächlich dient es wohl dazu, den Gipfel auch aus der Ferne sichtbar zu machen und ist manchmal sogar beleuchtet. Funktional – ja. Ästhetisch – eher nicht.

 

Nachdem wir den Moment, die Aussicht und das Gipfelglück ausgiebig aufgesogen haben, heißt es auch schon wieder Abschied nehmen. Der Abstieg wartet – und mit ihm der letzte Abschnitt dieser eindrucksvollen Etappe.

 

Abstieg vom Piz Boè mit Blick auf die Marmolata

Abstieg zum Piz Boè mit Blick auf die Marmolata
Abstieg vom Piz Boè mit der Marmolata im Hintergrund.

Für den Abstieg vom Piz Boè wählen wir denselben Weg wie beim Aufstieg. Zwar gäbe es auch eine alternative Route, doch da diese stellenweise fast schon Kettersteig-Charakter hat, entscheiden wir uns bewusst für die sichere Variante. Eine Entscheidung, die sich gut anfühlt. Wir kommen zügig voran, bewegen uns konzentriert und vor allem als geschlossene Gruppe.

 

Gerade an den stahlseilversicherten Passagen zeigt sich wieder, wie stark wir inzwischen zusammengewachsen sind. Wanderstöcke werden gegenseitig gehalten und weitergereicht, Tipps gegeben, kurze Absprachen getroffen. Niemand wird gedrängt, niemand bleibt zurück. Wir achten darauf, dass wir zusammenbleiben – und genau das macht diesen Abstieg so rund. Es war eine wirklich schöne Tour an diesem Nachmittag, eine die allen spürbar Freude bereitet hat und noch lange nachklingt.

 

Hüttenabend auf der Boè-Hütte: Genuss, Gemeinschaft und Vorfreude

Boè-Hütte auf 2871 Metern in der Sella-Gruppe in den Dolomiten
Auf dem felsige Hochplateau, das die Boè Hütte umgibt.

Zurück an der Boè-Hütte wartet ein weiteres Highlight: die modernen Duschen im neuen Gebäude. Ein wenig Luxus auf einer Mehrtagestrekkingtour durch die Dolomiten fühlt sich in diesem Moment einfach großartig an und wird von allen dankbar angenommen. Frisch geduscht, entspannt und zufrieden steigt die Vorfreude auf den Abend.

 

Das Abendessen wird seinem Ruf mehr als gerecht. Wir dürfen unser Menü aus vier Vorspeisen und vier Hauptgerichten zusammenstellen. Hier bleibt wirklich niemand hungrig und vor allem: Es schmeckt richtig gut. Der Tag findet einen würdigen, kulinarischen Abschluss.

Die Stimmung am Abend ist ausgelassen. Am großen Tisch spielen wir gemeinsam verschiedene Spiele, lachen ununterbrochen und genießen dieses leichte, verbindende Gefühl. Es ist schön zu erleben, wie schnell wir als Gruppe zusammengefunden haben, wie unterschiedlichste Charaktere hier harmonieren und sich sichtlich wohlfühlen.

 

Mit diesem Gefühl gehen wir in die Nacht und mit einem Blick nach vorne. Morgen führt uns unsere Dolomitenüberquerung weiter in die Langkofelgruppe, eine neue Gebirgswelt, ein neuer Abschnitt, neue Eindrücke. Die Vorfreude darauf ist jetzt schon deutlich spürbar.

 

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